Montag, 21. September 2015

Learning from… s`Hertogenbosch und Zwolle



Kurzer Besuch in den niederländischen Velostädten s`Hertogenbosch und Zwolle. Beide wurden in den letzten Jahren (2011 und 2014) zur besten Velostadt in NL gekürt. Was also ist State of the Art der Veloplanung im erfolgreichsten Veloland Europas?

Eines vorweg: Die beeindruckendste Qualität liegt nicht in der Wahl einer bestimmten Infrastrukturmassnahme, sondern in der unglaublich konsequenten und unterbruchsfreien Umsetzung. Sei es als Velostreifen, als separater Veloweg, auf Kreuzungen oder Kreiseln (oft mit Vortritt), oder in der ganzen Breite einer Fietsstraat (Fahrradstrasse). Eine komfortable, separate Fläche fürs Velofahren ist stets vorhanden, sobald ein Bedarf danach besteht. Und dies durchgehend in einer Qualität, welche allen Aspekten des Velofahrens gerecht wird: schnell und ohne Umwege ans Ziel kommend, sich dabei stets sicher fühlend, und nebenbei mit den Kollegen einen Schwatz haltend. Fabelhaft Velofahren. Oder besser (und auf niederländisch) gesagt: lekker fietsen!

„Build it, and they will come.“

In Zwolle und s`Hertogenbosch lässt sich das Ergebnis einer jahrzehntelangen konsequenten Veloförderung beobachten. Dabei ist es nicht so, dass die Niederländer immer aufs Velo gesetzt haben. In der Nachkriegszeit stand wie bei uns die autogerechte Stadt im Vordergrund. Die hohen Unfallzahlen in den 1960er/1970er Jahren führten aber zu einer starken Bürgerbewegung für mehr Verkehrssicherheit; und aus der Erdölkrise und der Umweltbewegung ab den 1970er-Jahren wurde ein konsequentes Fazit gezogen: die nachhaltigen Verkehrsarten erhielt in der Förderung hohe Priorität. Das Ergebnis lässt sich sehen: 40%-50% aller Wege in Zwolle werden heute je nach Zählweise mit dem Velo zurückgelegt. Damit zählt Zwolle zusammen mit anderen niederländischen Städten wie Groningen zur Europaspitze.

T0P 10 Massnahmen

Nachfolgend ist eine Auswahl an Velomassnahmen aufgeführt, welche zum Erfolg dieser Städte beitragen. Die Auswahl ist subjektiv, die Reihenfolge ohne Bedeutung. Spass gemacht hat alles davon!

1) Fahrradstrassen
Wo aufgrund der Raumverhältnisse eine separate Spur fürs Velo nicht möglich oder sinnvoll ist, gilt die Fahrradstrasse (Fietsstraat) als bevorzugte Lösung. Fahrradstrassen werden dort realisiert, wo eine hohe Anzahl Velos und wenig motorisierter Verkehr unterwegs ist. Nebeneinanderfahren ist erlaubt, bei Kreuzungen hat die Fahrradstrasse Vortritt. Die Zufahrt und Parkierung für Anwohner bleibt gestattet.





2) Vortritt fürs Velo!
An vielen Kreiseln und bei zahlreichen Seitenstrassen hat die Veloführung Priorität vor dem motorisierten Verkehr. Ein klares Statement fürs Velo, welches die Reisegeschwindigkeit und den Komfort enorm erhöht.




3) Der rote Teppich
Den roteingefärbten Asphalt für die Veloführung gibt es fast überall in den Niederlanden. In Velostädten wie Zwolle und s`Hertogenbosch lassen sich aber besonders komfortable und zusammenhängende Routen befahren: breite rote Velostreifen im Stadtzentrum gehen nahtlos in rote Fahrradstrassen in den Wohnquartieren über, um wiederum in räumlich abgetrennte Velowege am Stadtrand zu münden. Dem Velo wird sprichwörtlich der rote Teppich ausgerollt.




4) Breite, helle Unterführungen…. und angenehme Velobrücken
An den grossen Verkehrsknoten am Stadtrand hat das Velo auch in den Niederlanden nicht immer Priorität. Eine gute Velolösung gibt es trotzdem.



5) Regionale Velobahnen 
Dank dem hohem und durchgehenden Routenstandard lassen sich auch Distanzen über 5km komfortabel und zügig mit dem Velo zurücklegen.




6) Velofreundliche Lichtsignalanlagen
Zwar hat sich die (Velo-)Konkurrenz aus Kopenhagen den (ersten?) Preis für velofreundliche Lichtsignalanlagen geholt. Aber auch s`Hertogenbosch und Zwolle haben sich was einfallen lassen: Lichtsignalanlagen informieren über die Wartezeit (Bild 1), den schnellsten Weg über die Kreuzung (Bild 2), oder verkürzen die Wartezeiten fürs Velo bei Regen. 



(Quelle: fietsberaad.nl)







7)  Velostationen, gratis!
Sichere und trockene Abstellmöglichkeiten fürs Velo sind in Stadtzentren immer Mangelware. Und eine neue Velostation kann auch nicht überall aus dem Boden gestampft werden. Aber vielleicht lässt sich ein Untergeschoss in einem Geschäftshaus umnutzen? Es lässt sich, wenn man die Velostadt Nr. 1 in NL werden will. Eine Gebühr für die Velonutzer wird nicht verlangt.




8) Der Velo-Koordinator
In s`Hertogenbosch setzt man auf eine enge Zusammenarbeit zwischen der Stadtverwaltung und dem niederländischen Veloverband (Fietserbond). Eine eigens geschaffene Stelle kümmert sich um die Koordination von Anliegen und Projekten.

9) Patrouillen an den Hot-Spots der Velodiebstähle
Eine Luxus-Idee? Nicht, wenn es um das Verkehrsmittel Nr. 1 geht…

10) Die niederländische Velokultur…


Eine stark befahrene Strasse mit Vortritt zu queren, und darauf zu vertrauen, dass der Lastwagen dann schon hält, kostet den Schweizer Velofahrer Nerven und lässt ihn immer wieder mit Erstaunen zurück. Etwas besser verständlich wird es, wenn man weiss, dass 80% der niederländischen Autofahrenden selbst velofahren. Man kennt sich gegenseitig.

Wurde denn den Niederländern das Velofahren quasi in die Wiege gelegt (und uns halt nicht)? Wie bereits erwähnt, war der Velo-Erfolg in den Niederlanden keineswegs vorgezeichnet. Was sich heute im Alltagsleben von Zwolle, s`Hertogenbosch und andern Velostädten in NL beobachten lässt, hat eine jahrzehntelange Aufbauarbeit in der Infrastruktur und den entsprechenden politischen Willen als Basis. Ich würde also behaupten: Eine spezielle „Velo-Affinität“ ist keine Vorbedingung für ein erfolgreiches Velosystem und kann auch nicht von oben herab implementiert werden. Sie entsteht von selbst, sobald das Angebot stimmt.

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