Kurzer Besuch in den niederländischen Velostädten
s`Hertogenbosch und Zwolle. Beide wurden in den letzten Jahren (2011 und 2014)
zur besten Velostadt in NL gekürt. Was also ist State of the Art der
Veloplanung im erfolgreichsten Veloland Europas?
Eines vorweg: Die beeindruckendste Qualität liegt
nicht in der Wahl einer bestimmten Infrastrukturmassnahme, sondern in der
unglaublich konsequenten und unterbruchsfreien Umsetzung. Sei es
als Velostreifen, als separater Veloweg, auf Kreuzungen oder Kreiseln (oft mit
Vortritt), oder in der ganzen Breite einer Fietsstraat (Fahrradstrasse). Eine
komfortable, separate Fläche fürs Velofahren ist stets vorhanden, sobald ein Bedarf danach besteht. Und dies
durchgehend in einer Qualität, welche allen Aspekten des Velofahrens gerecht
wird: schnell und ohne Umwege ans Ziel kommend, sich dabei stets sicher
fühlend, und nebenbei mit den Kollegen einen Schwatz haltend. Fabelhaft
Velofahren. Oder besser (und auf niederländisch) gesagt: lekker fietsen!
„Build it, and they will come.“
In Zwolle und s`Hertogenbosch lässt sich das
Ergebnis einer jahrzehntelangen konsequenten Veloförderung beobachten. Dabei
ist es nicht so, dass die Niederländer immer aufs Velo gesetzt haben. In der
Nachkriegszeit stand wie bei uns die autogerechte Stadt im Vordergrund. Die hohen Unfallzahlen
in den 1960er/1970er Jahren führten aber zu einer starken Bürgerbewegung für
mehr Verkehrssicherheit; und aus der Erdölkrise und der Umweltbewegung ab den
1970er-Jahren wurde ein konsequentes Fazit gezogen: die nachhaltigen
Verkehrsarten erhielt in der Förderung hohe Priorität. Das Ergebnis lässt sich
sehen: 40%-50% aller Wege in Zwolle werden heute je nach Zählweise mit dem Velo
zurückgelegt. Damit zählt Zwolle zusammen mit anderen niederländischen Städten
wie Groningen zur Europaspitze.
T0P 10 Massnahmen
Nachfolgend ist eine Auswahl an Velomassnahmen aufgeführt,
welche zum Erfolg dieser Städte beitragen. Die Auswahl ist subjektiv, die
Reihenfolge ohne Bedeutung. Spass gemacht hat alles davon!
1) Fahrradstrassen
Wo aufgrund der Raumverhältnisse eine separate Spur fürs Velo nicht möglich oder sinnvoll ist, gilt die Fahrradstrasse (Fietsstraat) als bevorzugte Lösung. Fahrradstrassen werden dort realisiert, wo eine hohe Anzahl Velos und wenig motorisierter Verkehr unterwegs ist. Nebeneinanderfahren ist erlaubt, bei Kreuzungen hat die Fahrradstrasse Vortritt. Die Zufahrt und Parkierung für Anwohner bleibt gestattet.
2) Vortritt fürs Velo!
An vielen Kreiseln und bei zahlreichen Seitenstrassen
hat die Veloführung Priorität vor dem motorisierten Verkehr. Ein klares
Statement fürs Velo, welches die Reisegeschwindigkeit und den Komfort enorm erhöht.
3) Der
rote Teppich
Den roteingefärbten Asphalt für die Veloführung
gibt es fast überall in den Niederlanden. In Velostädten wie Zwolle und
s`Hertogenbosch lassen sich aber besonders komfortable und zusammenhängende
Routen befahren: breite rote Velostreifen im Stadtzentrum gehen nahtlos in rote
Fahrradstrassen in den Wohnquartieren über, um wiederum in räumlich abgetrennte
Velowege am Stadtrand zu münden. Dem Velo wird sprichwörtlich der rote Teppich
ausgerollt.
4) Breite, helle Unterführungen…. und angenehme
Velobrücken
An den grossen Verkehrsknoten am Stadtrand hat das
Velo auch in den Niederlanden nicht immer Priorität. Eine gute Velolösung gibt
es trotzdem.
Dank dem hohem und durchgehenden Routenstandard
lassen sich auch Distanzen über 5km komfortabel und zügig mit dem Velo
zurücklegen.
6) Velofreundliche Lichtsignalanlagen
Zwar hat sich die (Velo-)Konkurrenz aus Kopenhagen den (ersten?) Preis für velofreundliche Lichtsignalanlagen geholt. Aber auch s`Hertogenbosch und Zwolle haben sich was einfallen lassen: Lichtsignalanlagen informieren über die Wartezeit (Bild 1), den schnellsten Weg über die Kreuzung (Bild 2), oder verkürzen die Wartezeiten fürs Velo bei Regen.
(Quelle: fietsberaad.nl)
7) Velostationen, gratis!
Sichere und trockene Abstellmöglichkeiten fürs Velo
sind in Stadtzentren immer Mangelware. Und eine neue Velostation kann auch
nicht überall aus dem Boden gestampft werden. Aber vielleicht lässt sich ein
Untergeschoss in einem Geschäftshaus umnutzen? Es lässt sich, wenn man die Velostadt
Nr. 1 in NL werden will. Eine Gebühr für die Velonutzer wird nicht verlangt.
8) Der Velo-Koordinator
In s`Hertogenbosch setzt man auf eine enge
Zusammenarbeit zwischen der Stadtverwaltung und dem niederländischen
Veloverband (Fietserbond). Eine eigens geschaffene Stelle kümmert sich um die
Koordination von Anliegen und Projekten.
9) Patrouillen an den Hot-Spots der Velodiebstähle
Eine Luxus-Idee? Nicht, wenn es um das
Verkehrsmittel Nr. 1 geht…
10) Die niederländische Velokultur…
Eine stark befahrene Strasse mit Vortritt zu queren,
und darauf zu vertrauen, dass der Lastwagen dann schon hält, kostet den
Schweizer Velofahrer Nerven und lässt ihn immer wieder mit Erstaunen zurück. Etwas
besser verständlich wird es, wenn man weiss, dass 80% der niederländischen
Autofahrenden selbst velofahren. Man kennt sich gegenseitig.
Wurde denn den Niederländern das Velofahren quasi
in die Wiege gelegt (und uns halt nicht)? Wie bereits erwähnt, war der
Velo-Erfolg in den Niederlanden keineswegs vorgezeichnet. Was sich heute im
Alltagsleben von Zwolle, s`Hertogenbosch und andern Velostädten in NL
beobachten lässt, hat eine jahrzehntelange Aufbauarbeit in der Infrastruktur
und den entsprechenden politischen Willen als Basis. Ich würde also behaupten:
Eine spezielle „Velo-Affinität“ ist keine Vorbedingung für ein erfolgreiches Velosystem und
kann auch nicht von oben herab implementiert werden. Sie entsteht von selbst, sobald das
Angebot stimmt.